Dancehallfieber Vol.4
Vertrieben auf Grooveattack (DE), Hoanzl (AU) und Nation Records (CH)
Streetdate: 15.11.2004
Rezension von Christian Dinse für Agentur73, 12.11.2004
Danke an Marius von Rootdown Records und Grooveattack für die Unterstützung
Rezension "Dancehallfieber" (2004, DHF Records, Grooveattach)Autor: Christian D. für Agentur 73 (force@agentur73.de)
Und plötzlich sehe ich das mit dem kürzlich gefallenen und noch immer existierenden Schnee vor meinem Fenster auf den Wiesen nicht mehr so tragisch. Vor einigen Minuten kam ein neues Stück Sommerfeeling rein, die Dancehallfieber Vol. 4. Siebzehn Tracks aus Deutschland, der Schweiz und Österreich.
Und wie bestellt tauchen auch alte Gesichter wieder auf. Gerade noch im Interview mit Flowin Immo erwähnt, nun mit neuem Stuff onair: P.R.Kantate. Bouncend wie früher und immer noch das mit dem er berühmt wurde, seinem Dialekt. Song "Ees ma ejal".
Im Fundament der Scheibe legen Dr. Ring Ding mit einem Tribute an die Ladies die jeder kennt aber nur wenige erreichen ("Immer wenn ein Soundsystem die Single hier auflegt/ kommt unsere heiße Scherbe auf die Tanzfläche gefegt/ dann solltet ihr mal sehen wie sie ihren Arsch bewegt/ womit sie alles, nur kein Ärgernis erregt"), Benjie (Dancehall Shit) sowie Mono und Nikitaman. Deren Song, so realistisch er ist, man das Augenzwinkern beim Schreiben und Aufnehmen förmlich anhört. TSP Tor-Schuss-Panik "du verpasst was weil du dich selbst hasst dich hasst weil du nichts schaffst, erreicht hast, du kriegst einen bauch, du wirst fett, mann entspann dich, du kriegst geheimratsecken und das mit fünfundzwanzig".
Ich kann es mir im übrigen auch hier wieder nicht verkneifen: Mono - eine Stimme zum verlieben.
Culcha Candela reißen danach alle Geschwindigkeitspedale wieder an sich um sie gleich darauf voll durchzutreten - Wir wollen's schnella "die party hat gerade erst angefangen, das feuer brennt und zwar die ganze nacht lang, hell wie die sterne und so klar wie der mond, könnt ihr sicher sein dass sich diese party lohnt".
Mit "Babyloon sag mir wo" von den Cheesevibes wird leider auch, wie so oft, ein Klischee bedient "Babylon sag mir wo ist das Gold das du versprichst, so viele suchen es (...) zählt Ehrlichkeit noch nicht für dich dann ist es spät, komm nimm dich Deiner an, versuch zu spüren was das Leben kann". Der Sound ist der Hit, aber der belehrende Text passt leider ganz und garnicht.
Im Gegensatz dazu "Cha nüt defür" von den Ganglords feat. Phenomden. Sie halten die Schweizer Flagge hoch und verteidigen sie ziemlich sicher. "mich händ die sache wonich mache nöd in rueh glah, han immer öfter wieder emal älleige sachen undernah, ha probiert dir das zeige doch du häsch äs nöd zuglah". Eine One Ton Zürich Produktion die nun endlich den Sprung auf einen deutschen Sampler geschafft hat. Viel Gefühl und ein super harmonischer Beat bringen das Herz zum springen.
"Er war doch noch so jung, wie konntet ihr das tun? Ihr habt ihn regelrecht hingerichtet, sein ganzes Selbstvertrauen vernichtet" - geile Gesangseinlage von Jennifer Washington, ihres Zeichens Frontfrau der am Bayrischen Untermain ansäßigen Crew Sky Juice. Abschreiben gehört sich zwar nicht, aber an der Stelle muss ich Antenne Bayern zitieren, denn besser lässt es sich nicht auf den Punkt bringen "Jennifer Washington (...) deren erdige, ehrliche und soulige Stimme einem tief unter die Gänsehaut fährt und den Frost aus den Adern schüttelt". Und da ist kein Wort übertrieben. Klasse!
Raggabund lässt es hießig politisch angehen "ein Mörder wird in USA Präsident, Menschenrecht wird angeklagt und aufgehängt, das Volk wird verkauft für die Diktatur der Wirtschaft und des Dollars Mann, Rassismus pur". Sollte man danach dem Nachdenken verfallen sein und driftet ob der wahren Worte in depressive Stimmung, kommt Ganjaman gerade Recht mit "Komm und bleib Stark" und liefert eine weitere Interepretation des Themas Ein-Song-der-dich-aufbaut. Hat textlich leider nichts wirklich erwähnenswertes zu bieten.
Ein bewährter heavy-Beat (u.a. auf Mono&Nikitaman - Das Spiel beginnt LP benutzt) ist auf Ischen Impossibles "BOOM" zu Gast. Der Song macht seinem Namen wirklich alle Ehre ist, textlich bestimmt nicht jedermanns Sache.
Harris ist für interessante Features bekannt, hier mit Kimoe auf CLAP YOUR HANDS. Einmal angestoßen ein Party-Perpetum-Mobile "It's gettin hot in here so als würde jemand Brände legen, Mr. Barkeeper 2 Beck's aus dem Eisschrank/ und noch ein Jim Beam - Prost auf Berlin, hier sind alle Irie Daily darum wollt ihr herziehen".
"Breitammic mit Ladyunterhalterflow. Lady Baby Sugar Honey Tuschkastenbunny was los, bist famos Baby, jetzt setz dich bitte hin auf meinen Schoss". Für interessante Wortkreationen wähle Track Nummer 13 und du wirst nicht enttäuscht. Getreu dem Motto, vielleicht gibts kein Morgen, wird gepowered bis zum Kollaps. Erstaunlich dass der Track so ankommt, ist der Beat doch ziemlich zurückhaltend.
Apropos "vielleicht gibts kein Morgen". PHAT PROMO mit Hött ned morn hat einen Track abgeliefert der heftig aus den anderen auf dieser Platte raussticht. Als CHRISWELL 79 aka The Soulbrother dropt er seit langem Mixtapes aus Reggae/Hiphop und Dancehall. Seine ausgeprägten Mundartreime sind sein Markenzeichen. Vor ein paar Jahren hat mich der Schweizfetisch gepackt, aber an dem Typ beiss ich mir nach wie vor die Zähne aus und bring nicht mehr als nen offenen Mund und grosse Augen "hey chasch secher si wenn du teachisch ben i absänt loh mi lo entfüehre vomene fette Glas Absinthe jetzt schtoni do osse frei ond wart bes der abgänd". Schauderhaft geil.
Und weil im Süden viel geht, kommt Textas Willkommen im Club anschließend. Erfrischend stimmiger Beat und ein Text zum Lachen und Spaß haben "bist nicht nur dumm, siehst auch so aus, bei Dämmerung gehst du aus dem Haus, hast Schuppenhaut und Augenringe, Blasenschwäche, Frauenstimme".
Last but not least, Eduardo mit "Die Zeit kommt" entlässt den Hörer mit dem Worten "So viele haben Angst weiterzugehen, doch wer die Angst erst mal hinter sich lässt, wird sehen die Zukunft lebt im hier und jetzt...". Damit switched man zurück in den normalen Tag und hat ein Album hinter sich, dass das perfekte Gegenstück zum grauen dristen Wetter darstellt. Hoffen wir auf viele Hörer, dann gibts dieses Jahr im Dezember nicht so viele trübsinnige Gesichter auf den Strassen.
Sound und Produktion machen einen hochwertigen Eindruck, sprachlich gibts Minuspunkte, aber da das Ding Dancehallfieber heißt zielt es auf die Tanzwut, und die wird damit auf jedenfall befriedigt.